Hintergrundinfos
Die Vorgeschichte
Nordamerika gilt als Wiege des modernen Freikirchentums. Auf dem Boden des Kontinents wurde das Christentum zu einer staatsfreien, nur an Gewissen und persönlicher Überzeugung gebundenen Religion.
Ein weiteres Charakteristikum des nordamerikanischen Protestantismus waren die periodisch wiederkehrenden Erweckungsbewegungen. Die Kirche der Siebenten-Tags-Adventisten ist aus einer solchen Welle von Erweckungsbewegungen um die Mitte des 19.Jh. entstanden.
Der Farmer und Baptistenprediger William Miller (1782-1849) predigte die Naherwartung der Wiederkunft Christi, die er für das Jahr 1843/44 datierte.
Als die Parusie, die Wiederkunft Jesu Christi nicht eintrat, setzte die "große Enttäuschung" in den Reihen der Milleriten ein, die zur Auflösung der Bewegung und schrittweise zur Bildung einer neuen Kirche führte.
Eine zunächst kleine Gruppe ehemaliger Anhänger Millers, darunter der Lehrer James White, dessen Gattin Ellen Gould White, der frühere Schiffskapitän Joseph Bates und andere, war sich darin einig, dass Millers prämillenaristische Eschatologie richtig gewesen war, lehnte jedoch eine punktuelle Zeitsetzung für die Wiederkunft strikt ab.
Die Betonung der baldigen Wiederkunft Christi und das Bekenntnis zur Unveränderlichkeit der Gebote Gottes fanden 1860 in der Wahl des Namens "Siebenten-Tags-Adventisten" ("Seventh-day Adventist Church") für die neue Freikirche ihren Ausdruck.
1863 organisierten sich die Adventisten und entwickelten in den folgenden Jahrzehnten ein weltweites missionarisches Netzwerk von Schulen, Hospitälern und Verlagshäusern. In Europa sind die ersten Adventisten seit 1864 nachweisbar. Auf dem Boden des heutigen Österreich konnten sie erst 1903 Fuß fassen.
Adventisten im Habsburgerreich
Nach dem Anerkennungsgesetz aus dem Jahr 1874 war es de facto etablierten Kirchen vorbehalten, sich vom Staat öffentlich-rechtliche Anerkennung zu verschaffen.
Mitglieder staatlich nicht anerkannter Gemeinschaften, zu denen Freikirchen anglo-amerikanischen Ursprungs gezählt wurden, hatten im alten Österreich nur das Recht auf private, häusliche Religionsausübung. Eine Rechtspersönlichkeit wurde ihnen abgesprochen, da sie auch nicht als Vereine oder Körperschaften auftreten konnten.
Für die frühen Adventisten galt Österreich zu jener Zeit als eines der schwierigsten Missionsgebiete der Welt. In der 2.Hälfte des 19.Jh. fanden Adventisten zunächst in Ungarn Eingang, bevor sie in Böhmen, Mähren und Österreich Fuß fassen konnten.
So fand erst 1903 durch den aus Pressburg (Bratislava) kommenden Prediger L. Mathe in Wien die erste adventistische Tauffeier auf österreichischem Boden statt.
In Österreich und in anderen Kronländern gründeten Adventisten Vereine, die sich als wirksame missionarische Keimzellen erwiesen, da sie den Adventisten, wenn auch in beschränktem Rahmen, die Möglichkeit zu öffentlichen evangelistischen Vorträgen boten. Trotzdem kam es immer wieder zu Versprengungen von Versammlungen durch Polizeiorgane und zu Gerichtsvorladungen wegen Teilnahme an den Aktivitäten einer "geheimen Gesellschaft" oder "staatlich verbotenen Religionssekte". Dies führte auch zu Inhaftierungen von Predigern und "Buchevangelisten" oder zu Landesverweisen wegen "Störung der öffentlichen Ordnung". Adventisten verkündeten sendungsbewusst das "Kommen des Reiches Gottes" und stellten damit unbeabsichtigt die bestehende Gesellschaftsordnung in Frage. Ausserdem verurteilten sie nach reformatorischen Vorbild in ihrer Lehre den "Abfall" der römischen Kirche vom Evangelium. Damit stand fest, dass sie weder vom Staat noch von der Kirche Sympathien zu erwarten hatten. Sie waren gesellschaftliche Außenseiter.
Adventisten in der Zwischenkriegszeit
Durch Art. 63 Abs. 2 des Staatsvertrages von St.Germain wurde allen Einwohnern in Österreich 1919 das Recht zugesprochen, jede Art von Glauben, Religion oder Bekenntnis öffentlich frei auszuüben.
Mitglieder gesetzlich nicht anerkannter Kirchen waren nicht mehr auf die häusliche Religionsausübung beschränkt.
Doch eine Rechtspersönlichkeit für die nicht anerkannten Kirchen sah der Gesetzgeber nicht vor, so dass die rechtliche Konstituierung der Freikirche der Adventisten weiterhin problematisch blieb.
So gründeten die österreichischen Adventisten einen noch heute existierenden "Pflegestättenverein", um ihr Kircheneigentum verwalten zu können. Trotz des "religiösen Frühlings", der nach Inkrafttreten des Staatsvertrages mit der Gewährung der vollen Glaubens- und Gewissensfreiheit und der Revision des Vereins- und Versammlungsrechtes zweifellos einsetzte und der Arbeit der Freikirchen Auftrieb verlieh, blieben im öffentlichen Leben viele Hindernisse bestehen.
Besondere Schwierigkeiten hatten die adventistischen Buchevangelisten, die als reisende Schriftenverkäufer ihren missionarischen Dienst verrichteten. Nur sehr selten wurde ihnen eine "Legitimationskarte" für ihre Arbeit ausgehändigt und sie mussten behördliche und kirchliche Diskriminierungen in Kauf nehmen.
Trotz dieser Hürden konnten die Freikirchen und Religionsgemeinschaften nun öffentlich, direkt und frei von ihrer Überzeugung sprechen. Adventisten entwickelten eine in Österreich in dem Ausmaß bislang nicht gekannte freikirchliche Vortragstätigkeit, die religiöse Themen mit politischen Zeitereignissen und gesellschaftlichen Erscheinungen verknüpfte. Die "Zeichen der Zeit" wurden vor dem Hintergrund biblischer Prophetie gedeutet. Als Leiter der Freikirche baute der deutsche Evangelist Josef Braun (1882-1958) landesweit ein gut funktionierendes Wohlfahrtswerk auf, das in der Bevölkerung Wohlwollen und Anklang fand. Im Jahr 1935 zählte die Adventgemeinde in Österreich bereits über 1.500 getaufte Mitglieder. Die Ortsgemeinden bildeten schon seit 1920, nach einer innerkirchlichen Reorganisation, eine selbständige "Vereinigung". Die zentrale Kirchenleitung der "Mitteleuropäischen Divison", zu der die Gemeinden in Österreich zählten, befand sich in Berlin.
Mit dem katholischen Ständestaat verschärfte sich das politische und konfessionelle Klima. Der Austrofaschismus beengte zunehmend die in den Anfangsjahren der Ersten Republik möglichen evangelistischen Aktivitäten. So ist es nicht verwunderlich, dass es unter den Adventisten Österreichs Stimmen gab, die den "Anschluss" begrüßten, in der Hoffnung, dadurch würde volle Religionsfreiheit eintreten. Die anfängliche positive Stimmung mancher Adventisten in Österreich zur Annexion wich bald einer distanzierten Haltung im Blick auf die Herrschaftsansprüche des Nationalsozialismus.
Adventisten in der Zweiten Republik
Nach Ende des Zweiten Weltkrieges verzeichnete die Adventgemeinde in Österreich die höchste Wachstumsrate in ihrer Geschichte. Zwischen 1945 und 1950 schlossen sich mehr als 1.000 Personen den Adventisten an. Die Mitgliederzahl stieg auf 2.600 an (1950). In Wien allein lebten über 1.000 Gemeindeglieder, also etwa 38 Prozent der Gesamtgliederzahl. Etwa weitere 1.000 Glieder lebten in den anderen größeren Städten des Landes, so dass gut drei Viertel aller österreichischen Adventisten Stadtbewohner waren. An diesem demo-graphischen Profil hat sich bis heute wenig geändert.
Verwaltungsreformen führten zur Gründung einer "Union" der Adventgemeinden (1967) als Folge der organisatorischen und finanziellen Autonomie der Kirche. Der Sitz der Kirchenleitung befindet sich seit 1950 im zentral gelegenen "Adventhaus", Nußdorfer Straße 5, in Wien.
1949 wurde in Bogenhofen bei Braunau/Inn ein Predigerseminar eröffnet, das nicht nur Pastoren für Österreich, sondern auch für die deutsche Schweiz ausbildet. Das adventistische Schulinternat verfügt heute - neben dem theologischen Seminar – über eine Volksschule mit Öffentlichkeitsrecht, ein staatlich anerkanntes Oberstufenrealgymnasium und über eine akkreditierte Deutsch-Sprachschule auf Collegeniveau.
Das Seminar Schloss Bogenhofen entwickelte sich zur größten freikirchlichen Ausbildungsstätte in Österreich.
Die Gründung eines Verlagshauses (Wegweiser-Verlag) 1948, die Errichtung verschiedener Gemeindezentren ("Kapellen", "Adventhäuser") und die Eröffnung eines Seniorenheims (Haus Stefanie, Semmering) 1970 stellten weitere Schritte der Konsolidierung dar.
Der adventistische Verein "Liga Leben und Gesundheit" veranstaltet seit 1954 Raucherentwöhnungskurse, Gesundheits- und Lebenshilfeseminare, in denen bis heute Menschen neue Impulse zu einem gesundheitsorientierten Lebensstil geboten werden.
Das säkulare Umfeld erforderte zu Beginn der 1970er Jahre ein Umdenken in der adventistischen Missionsstrategie, die sich nun mehr an den sozialen Bedürfnissen der Bevölkerung orientierte. Bis zur Gegenwart werden in der Verkündigung vermehrt existentielle, alltagsbezogene und lebensnahe Themen (Gesundheit, Ehe und Familie, Berufsleben, Stressbewältigung, Trauerbegleitung, Psychologie und Seelsorge, Erwachsenenbildung, Suchtberatung u.v.m.) angesprochen.
Auch die rechtliche Lage der Kirche ließ sich weiter verbessern. 1964 wurden adventistische Kinder und Jugendliche per Erlass vom Schulunterricht am Samstag (Sabbat) befreit. Die Einführung des Zivildienstgesetzes 1974 erlaubte den wehrpflichtigen Adventisten, nichtmilitärischen Ersatzdienst zu leisten.
Um effizienter die Anliegen der nicht anerkannten Minderheitskirchen vor dem Gesetzgeber vertreten zu können, gründeten die Adventisten 1975 die "Österreichische Vereinigung zur Wahrung und Förderung der Religionsfreiheit".
Seit 1968 wurde den ethnischen Gruppen (speziell im Großstadtbereich Wien) mehr Beachtung geschenkt. Es erfolgten Gemeindegründungen und der Aufbau organisierter Gruppen in der jeweiligen Landessprache. Die erste Gemeinde dieser Art war ab 1968 die Serbo-Kroatische Gemeinde. Durch reges Interesse, Zuwanderung und Wachstum war eine Teilung in 2 Gemeinden nötig, die seither für Menschen dieses Kulturkreises ein Stück Heimat und geistliches Zuhause sind.
Danach folgte die Gründung der Englischen Gemeinde, in der sich Kirchenmitglieder aus insgesamt 16 Nationen versammeln, wobei für die meisten Englisch nicht die Muttersprache, sondern nur das einzig verbindende Verständigungsmittel ist.
Daran anschließend konstituierten sich eine rumänische Gemeinde sowie eine bulgarische und ungarische Gruppe, deren gemeinsames Ziel es ist, ihren Landsleuten die frohe Botschaft von Jesus Christus in deren Muttersprache weiterzugeben.
Soziales Engagement wurde und wird in den lokalen Gemeinden von Anfang an hoch gehalten und dadurch konnte vielen notleidenden Mitmenschen geholfen werden.
Als notwendiges Instrument im Kampf gegen die wachsenden Nöte und unterschiedlichen Bedürfnisse wurden zusätzlich Institutionen gegründet, deren Aufgabenbereich von vorne herein klar umrissen und festgelegt war.
Bereits seit 1948 bietet das Internationale Bibelstudien-Institut (IBSI) in Österreich kostenlose Bilbelfernkurse an, die bis heute von einer ständig wachsenden Zahl von FernkursteilnehmerInnen gerne genutzt werden.
1974 kam es zur Gründung der "Sozialen Dienste der Adventmission", die heute in Wien einen in der Öffentlichkeit anerkannten Dienst an vielen Hilfsbedürftigen leisten. Angeboten werden Heimhilfe, Besuchsdienst, Hauskrankenpflege u. Reinigungsdienst.
1992 wurde ADRA (Adventist Development and Relief Agency) Österreich gegründet, eine Hilfsorganisation, deren oberstes Ziel es ist, Menschen unabhängig ihrer ethnischen Herkunft, ihrer politischen oder religiösen Einstellung zu helfen.
ADRA greift dort ein und packt zu, wo Katastrophen, Leid, Not und Elend Land und Leute bedrohen.
Seit 1992 wurden in vielen Ländern - vorwiegend in Ost- und Südosteuropa -zahlreiche Hilfsprojekte durch den ehrenamtlichen Einsatz unzähliger Freiwilliger erfolgreich durchgeführt.
Die Kirche der Siebenten-Tags-Adventisten in Österreich zeigt sich auch offen für neue technische Möglichkeiten der jeweiligen Zeit. So nützte sie für ihren missionarischen Auftrag bereits ab 1977 das Radio und stellte - wenn auch in beschränktem Umfang, aber doch in sehr professioneller Ausarbeitung - eigene Sendungen her. 1991 wurde ein eigenes Tonstudio eingerichtet.
Seit 1996 wurden in den meisten Kirchen der Siebenten-Tags-Adventisten in Österreich die technischen Vorteile einer digitalen Satellitenanlage mit dazugehörigen Großbildvideostrahler genutzt.
Diese revolutionierende Neuerung auf dem Kommunikationssektor ermöglichte es, internationale Evangelisationsübertragungen in verschiedenen Simultanübersetzungen gleichzeitig zu verwenden.
Damit verbunden ist aber auch die Chance, diese Möglichkeiten im Ausbildungsbereich für Gemeindemitarbeiter und Pastoren regelmäßig einzusetzen.
Die Siebenten-Tags-Adventisten gehören deshalb zu jenen Kirchen, die mit der modernen Zeit Schritt gehalten haben, indem sie sich die Vorzüge einer weltumspannenden Kommunikation und Verkündigung zu Nutze machen.
Die Computergeneration wächst und damit das Interesse, Glaubensinhalte per Mausklick abzufragen.
Die Kirche der STA greift diese Herausforderung mit einer ständig wachsenden WEB-Präsenz auf, weil dadurch transparente und aktuelle Information jedermann zugänglich wird.
1989 brachte die Kirche der Siebenten-Tags-Adventisten einen Antrag auf staatliche Anerkennung beim zuständigen Bundesministerium für Unterricht und kulturelle Angelegenheiten ein.
Seit Juli 1998 hat die Kirche der Siebenten-Tags-Adventisten in Österreich den Status einer staatlich eingetragenen religiösen Bekenntnisgemeinschaft.
Welchen Herausforderungen sieht sich die Kirche der Siebenten-Tags-Adventisten in der Zukunft gegenüber?
Als Kirche mit einem weltweiten Missionsauftrag stellt in einer pluralistischen und zerrissenen Welt der Gedanke der Einheit mit der weltweiten Kirche der S.-T.-Adventisten eine große Herausforderung dar. Hautfarbe, Nationalität, Mentalität, Schulbildung, Kultur, ... dürfen nicht trennend wirken.
Heute sind Kinder- und Jugendliche einer besonderen Zerreißprobe ausgesetzt. Dieser Herausforderung begegnen Adventisten mit liebevoller Begleitung, durchdachter Erziehung und authentischer Führung. Dafür bedarf es einer ständigen persönlichen Weiterbildung aller Führungskräfte, um den Herzschlag der Jugend zu spüren.
Dem biblischen Missionsauftrag wird oberste Priorität geschenkt. Dies bedeutet: Gemeinsam an einem Strick zu ziehen, die Gemeindestrukturen neu zu durchdenken, die Neulandarbeit bewusst zu fördern, neues - sowohl modernes als auch aktuelles - Missionsmaterial zu erstellen.
Der Gedanke des natürlichen Gemeindewachstums soll nicht auf der Grundlage von "Programmen" und "Aktionen" belebt werden, sondern durch biblische Wachstumsgrundlagen. Dabei gewinnen auch Kleingruppen an Bedeutung.
In einer sich immer schneller verändernden Welt steht die Kirche der Siebenten-Tags-Adventisten vor der Herausforderung, dem modernen Menschen mit der zeitlosen Botschaft des Evangeliums zu begegnen:
Christus kommt wieder! Diese frohe Botschaft hat stets das Leben der Gläubigen geprägt und bestimmt auch heute das Selbstverständnis der STA-Kirche. In diesem Bewusstsein stehen Adventisten mit beiden Beinen im Leben – und haben dabei den Blick "nach oben" gerichtet, in Erwartung ihres Herrn.


